University of Applied Sciences

Am Donnerstag, dem 28.5.2020, fand der virtuelle Fachtag „Soziale Arbeit, Migration und Entwicklung“ statt, der gemeinsam durch Professor*innen von fünf Hochschulen und Studierenden gestaltet wurde. Die ca. 50 Teilnehmer*innen diskutierten angeregt aktuelle internationale Problemstellungen im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit.

Prof. Dr. Tanja Kleibl (Hochschule Würzburg-Schweinfurt) bezog sich in ihrem Eröffnungsvortrag auf den aktuellen Migrationsprozess nach Europa und stellte einen Zusammenhang zur Rolle der Zivilgesellschaft in diesem Prozess her. Deutlich wurde, dass Migration im Zusammenhang mit postkolonialen Entwicklungen betrachtet werden muss und dass Soziale Arbeit eine politische Aufgabe in diesem Prozess hat. Wesentliche Bedeutung hat für Soziale Arbeit die Auseinandersetzung mit Postkolonialität und Prozesse der Entkolonisierung.

Prof. Dr. Ulrike Brizay (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) stellte Soziale Arbeit mit Geflüchteten in Berlin anhand verschiedener Projekte vor. Viele Projekte sind beispielhaft auch im Hinblick auf ehrenamtlichen Einsatz und es bedarf weiterhin eines großen Engagements, diese Projekte und ihre Ziele nachhaltig umzusetzen.

Prof. Dr. Johannes Kniffki (Alice Salomon Hochschule Berlin) gab einen Einblick in Soziale Arbeit im transnationalen Kontext und arbeitete anhand eigener Projekte im Globalen Süden die Bedeutung die „künstliche Dummheit“ für Soziale Arbeit hervor. So ist die zentrale Anforderung für Soziale Arbeit, sich als „feldbezogen Unwissende“ in das Feld zu begeben und Erkenntnisse erst im Feld zu generieren. Jedes vermeintliche Vor- oder Besserwissen verhindert eine an den Bedürfnissen der Adressat*innen orientierte Soziale Arbeit – ein Umstand, der nicht nur in transnationalen Kontexten eine Bedeutung hat.

Prof. Dr. Karsten Kiewitt (Fachschule Clara Hoffbauer Potsdam) befasste sich mit indigenem Wissen als Postkoloniale Herausforderung. Ein zentrales Problem für die Annäherung an indigenes Wissen ist die unverändert hegemoniale Haltung der westlichen Wissenschaft (ler*innen), die indigene Wissenschaft nicht als gleichberechtigt anerkennt. In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass Wissenschaft auch auf ihre rassistische Haltung überprüft werden muss. Hier gilt, was Ibram X Kendi formulierte: „The heartbeat of antirascism ist self-reflection […] and fundamentally self-critique.“

Prof. em. Dr. Ronald Lutz (Fachhochschule Erfurt) nahm in seinem Vortrag über „Globale Ungleichheit und Internationale Soziale Arbeit“ anhand diverser Beispiele Bezug auf die Verantwortung des Globalen Nordens für die bestehenden Ungleichheitsverhältnisse. Die seit der Kolonialzeit existierende Ausbeutung des Globalen Südens für den Wohlstandserhalt im Globalen Norden hat erhebliche Auswirkungen auf die Gestaltung der Zukunft, etwa durch die Gefährdung von Lebensgrundlagen, lokale Ressourcenkonflikte, die wiederum zu verschärften Migrationsprozessen führen.

In der Schlussdebatte waren sich die Teilnehmer*innen einig, dass Soziale Arbeit als „Akteurin der imperialen Lebensweise“ und damit als „Aspekt globaler Ungleichheit“ zu hinterfragen ist. Soziale Arbeit muss sich politisch einmischen für eine nachhaltige soziale und ökonomische Entwicklung, für ein „Gutes Leben“ für Alle. Soziale Arbeit muss die Idee der Befreiung neu denken.

Karsten Kiewitt