University of Applied Sciences

Fliegen und fliegen lassen

Im November durfte ich an einem Erasmus+ Projekt im Norden Armeniens, genauer gesagt der Kleinstadt Stepanavan, teilnehmen. „Involve and Perform in Youthwork“ war der Titel des Training Course. Ich freute mich unglaublich über diese Möglichkeit, weil ich mich seit den letzten Jahren mehr für theaterpädagogische Ansätze in der Jugendarbeit interessiere. Durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Methoden sah ich erneut die vielen Vorteile und Chancen, die Theaterarbeit leisten kann, vor allem bei Jugendlichen.

In dieser Woche lernte ich unterschiedlichste Methoden kennen. Körperbewusstsein wurde durch verschiedene Übungen noch einmal ganz neu erfahren. Body contact improvisation, freier Tanz, Yoga, Meditation und körperbezogene Partnerübungen wie „Führen und führen lassen mit geschlossenen Augen“, das „Spiegeln“ und das „Fallen lassen“ und „Aufgefangen werden“ waren letztlich nur Methoden, um viel tiefergehende innere Prozesse auszulösen.

Es entstanden Verbindungen unter den Kursteilnehmer*innen und zu mir selbst, die wiederum einen kreativen Austausch ermöglichten, der in kuzer Zeit besondere Ergebnisse entstehen ließ. Der theoretische Input zur kreativen sozialen Arbeit, zur politischen Aufklärungsarbeit und zur interkulturellen Kommunikation wurde durch praktische Übungen ergänzt. Wir beschäftigten uns einen Tag lang mit dem „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal, mit welchem ich mich seit einiger Zeit intensiver beschäftige, da ich es sehr inspirierend finde. Wir entwickelten verschiedene Szenen als Forumtheater und Momentaufnahmen von Unterdrückung zum „Bildertheater“. Durch das körperliche Erfahren, das Theater spielen stets mit sich bringt, entsteht eine ganz neue und tiefere Auseinandersetzung mit inneren Konflikten und gesellschaftlichen Problemen.

Diese Woche war so wertvoll für mich und zeigte mir noch einmal viel klarer, wo ich mich beruflich hin entwickeln möchte. Es war bereichernd, die Zeit zur Selbstreflektion zu haben und sich dem kreativen Fluss ganz hingeben zu können. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung und würde immer wieder an weiteren Projekten teilnehmnen.

 

Ein Fall für Zegman

Meine Reise nach Armenien ging über Georgien, wo ich vorher und nachher Zeit verbrachte, da ich dieses Land schon lange kennenlernen wollte und die Verbindung über Tiflis nach Stepanavan ebenso möglich war, wie über Jerevan.

Als ich ankam, stand ich wie elektrisiert am Flughafen und fühlte mich unglaublich lebendig, da alles fremd und neu und aufregend war. Eine Sprache, die für mich wie ein Fluss klingt, weil ich nicht ein Wort einzeln ausmachen konnte. Eine Schrift, die aussieht wie Zeichensprache, die man sich als Kind ausgedacht hat, verschnörkelt und rund. Irgendwie märchenhaft. Menschen, die so anders aussehen als ich, mich aber mit offenen Blicken und einer enormen Hilfsbereitschaft willkommen hießen, und Straßen und Häuser und Landschaften, die mich so fühlen ließen, als wäre ich in einer ganz anderen Welt gestrandet.

Das Fremde ließ mich sofort Zuhause fühlen. Ich lernte sehr liebenswerte Menschen kennen, die mir wieder bewusst machten, dass ich nie und nirgendwo alleine bin. Ich couchsurfte erst bei einer Frau aus Weißrussland, die am Stadtrand im 13. Stock eines Hochhauses wohnte, das noch einmal eine Adresse hatte. Ich wurde vom Taxifahrer an einer Tankstelle rausgeschmissen und stand da also mit meinem Rucksack, einen Kopf größer und mit mindestens fünf Nuancen helleren Haaren als die Einheimischen. Ich stach heraus wie ein bunter Hund und wurde neugierig gemustert, da sich in diese Gegend auch nur selten Touristen*innen verirrten. Ich muss sagen, so richtig schön war es dort nicht. Ein Vorort von Tiflis, der nur zum Wohnen dient, weil die Mieten günstig sind. Und Autos. Überall Autos, die allesamt schwarze Wölkchen hinter sich herzogen. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen, weil ich eben einen kurzen, aber sehr wertvollen Einblick in das alltägliche Leben von den Menschen bekommen habe.

Da ich aber gerne noch mehr sehen wollte, fuhr ich mit einem neuen Freund und seiner Familie und Freund*innen in die Berge nach Ostgeorgien. Ich werde nie den Augenblick vergessen, als wir bei Minusgraden auf einem Berg standen, fast vom Wind verweht wurden und den mächtigen Kaukasus im Rücken spürten.

„Was bedeutet Freundschaft?“, frage ich mich oft. In Georgien, als ich mit dieser wunderbaren Gruppe in einem kleinen Landhaus bei Wein, Chacha und kulinarischen Leckereien am offenen Feuer zusammensaß, wir danach tanzten und musizierten, da bekam ich wieder eine Antwort. Freundschaft bedeutet, die Gewissheit zu haben, dass der Andere da ist, auch wenn er nicht da ist. Dass man sich wieder sieht, dass man zusammen Pläne schmiedet und diese umsetzt, dass den Anderen so sein lässt, wie er ist, mit dem Wissen, dass jede Andersartigkeit zu einer Einheit werden kann. Freundschaft ist etwas Bedingungsloses, das sich warm und sicher anfühlt. Sicher, weil man keine Erwartungen erfüllen muss und warm, weil man mit seinem ganzen Sein umarmt wird.

Die Georgier haben für Freunde und geliebte Menschen ein ganz besonderes Wort. „გენაცვალე“ „Genatsvale„. Es bedeutet „Ich anstelle von Dir“, also dass man der anderen Person beisteht, ihr Unglück annimmt, ihren Schmerz trägt. Dass man sogar für sie sterben würde. Es ist ein ganz tiefer Ausdruck von Liebe für eine sehr nahestehende Person.

Die Menschen, die ich traf, strahlten eine Leichtigkeit aus, die hier manchaml der Schwerkraft unterliegt. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich nicht so einen Stress machen, wenn es darum geht, Dinge zu erledigen. Sich mehr Zeit für die süßen Seiten des Lebens nehmen. Überhaupt, nicht so viel auf Zeit geben, wie wir es tun. Auch dafür gibt es ein ganz bestimmtes Wort, was so viel über die Kultur eines Volkes aussagt. „Zeg“ „ზეგ“. Es bedeutet so etwas wie „übermorgen“, hat aber einen ganz eigenen Wortstamm. Darum sagen sie auch, dass es in Georgien nicht Superman gibt, sondern „Zegman“, der, der eben alles immer wieder vertagt, weil das Schöne erlebt werden will. Ich kann mich sehr gut mit dieser Beschreibung identifizieren, da es eben manchmal viel lebensrelevantere Dinge gibt, als eine Hausarbeit pünktlich abzugeben oder die Wohnung zu putzen… Zum Beispiel morgens draußen in der Wiese zu seitzen und in den Himmel zu schauen. Der Himmer, der einen sonnigen Tag verspricht, wo die Sonne schon sachte Streifen zeichnet, aber doch nicht ganz da ist. „Lazuardispers“.

„Ein Trost auf unsere Welt!“, sprach der „Tamada“ „uთამადა“ und das Festmahl ward eröffnet.

 

Louisa Schmid aus dem Studiengang Sprachpädagogik und Erzählende Künste in Sozialer Arbeit