University of Applied Sciences

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Die indigenen Gemeinschaften Nordamerikas sind traditionell inklusiv. Soziale Teilhabe aller Mitglieder einer Gemeinschaft war bereits präkolonial das wesentliche Element für ein gelingendes Zusammenleben. Die holistische Weltsicht wies der harmonischen Balance von Körper, Geist und Seele eine zentrale Bedeutung zu. Wohlbefinden definierte sich in den indigenen Kulturen durch die Ganzheit der Existenz. Einen Teil dieser Ganzheit als krank oder funktional eingeschränkt zu betrachten, war in diesem Verständnis absurd. Vielmehr entschied die Ausgewogenheit der sozialen Beziehungen einer Person zu ihrer Gemeinschaft und ihrer Umwelt darüber, ob die Person als beeinträchtigt eingeschätzt wurde. Dieses bis heute bei den First People Nordamerikas bestehende Verständnis ist erheblich fortschrittlicher als die im Globalen Norden vorherrschende Perspektive. Dem hingegen bietet das in Deutschland vorherrschende Welt- und Menschenbild keine hinreichende Grundlage für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe, es behindert diesbezügliche Ansätze. Eine holistische Weltsicht nach dem Vorbild der indigenen nordamerikanischen Gemein-schaften hingegen ermöglicht Anerkennung, Wertschätzung und Integration von Vielfalt in aller Selbstverständlichkeit. Daher sollte das zentrale Anliegen von Veränderungsbestrebungen sein, einen Wandel des aktuellen Weltbildes als Grundlage sozialer Praxis voranzutreiben. Für weitere Erkenntnisse, orientiert an indigenem Weltwissen, ist ein Austausch mit indigenen Gemeinschaften unabdingbar. Dazu bedarf es jedoch einer radikalen Wandlung des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Denkens.

Bibliographische Angaben: Kiewitt, K. (2020): Soziale Teilhabe im indigenen Nordamerika. Eine Perspektive für Inklusion in Deutschland. In: Soziale Arbeit. Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete. 2/2020, Jg. 69, 55-61

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