University of Applied Sciences

Verena und ich waren im April für zwei Wochen in der Ukraine, genauer gesagt, in Pustomyty, ein kleines, malerisches Örtchen unweit entfernt von Lwiw, in dem, so scheint es, die Menschen noch die größten Freuden in der Alltäglichkeit finden.

Der Workshop wurde von Social Visions e.V. organisiert, ein kleiner Verein, ansässig in Berlin, der die Mission hat, Menschen die Kunst der Fotografie als Mittel zum Selbstausdruck nahe zu bringen. Das Projekt wurde unter anderem von der Stiftung EVZ gefördert im Rahmen von „MEET UP! Deutsch-ukrainische Jugendbegegnungen“.

Die TeilnehmerInnen kamen aus der Ukraine und aus Deutschland und gemeinsam liessen wir unserer Kreativität freien Lauf, fast zeitlos fühlten sich die Tage an, so sehr konnten wir uns den verschiedenen Prozessen hingeben. Wir lernten neben den technischen Know-Hows der digitalen und analogen Fotografie, des Filmens und der Collage-Kunst, vor allem uns selbst besser und gegenseitig kennen.
Ziel des Workshops war nicht nur unsere persönliche Weiterentwicklung, sondern auch, wie wir all das Gelernte mit Kindern und Jugendlichen umsetzen können.

Nun waren wir also in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht sprechen und dessen Menschen so anders schienen als wir.
Unsere Neugier war geweckt und wir fragten uns, was die Menschen hier denken, was sie fühlen, welche Träume sie haben. Wir überlegten also wie wir mit ihnen in Kontakt treten können, später würden wir es Verbindung nennen, ohne eine gemeinsame (gesprochene) Sprache zu haben.

 

Wir wollten sie zu Wort kommen lassen, ihnen die Möglichkeit geben sich mitzuteilen, sich uns mit-zu-Teilen.
Also schrieben wir auf einen kleinen Notizblock einige Fragen, „Was macht dich glücklich?“, „Woran erinnerst du dich gerne?“, „Wofür bist du dankbar?“, „Welche Superkraft hättest du gerne?“, ließen diese von unseren ukrainischen Mitstudierenden übersetzen, und zogen los in das Städtchen. Wir hatten den Entschluss gefasst, einen Dokumentarfilm über, aber vor allem für die Bewohner von Pustomyty zu drehen.
Einige der ukrainischen TeilnehmerInnen waren etwas skeptisch, da sie ihre Landsleute bisweilen als sehr verschlossen eingestuft hatten, aber das sollte uns nicht davon abhalten, denn unsere Neugier war zu groß und unsere Euphorie unser Antrieb.

Wir hielten Passanten auf der Straße an, zeigten ihnen unsere schriftliche Vorstellung von uns und unserem Projekt, marschierten in die kleinen Läden und die Menschen reagierten überhaupt nicht verschlossen, im Gegenteil, oftmals scharten sich die Leute um uns und waren ebenso neugierig wie wir! Wir sammelten ganz viel Filmmaterial und auch wenn wir das Gesagte nie ganz verstanden, so begannen wir intensiv zu fühlen, was es heißt in Verbindung zu treten und, dass dafür keine gemeinsame Sprache benötigt wird, sondern nur offene Herzen!

Es schien, als hätten wir in dieser kurzen Zeit eine neue Sprache gelernt, denn bereitete es uns keine Schwierigkeiten stundenlang mit den Menschen dort zu sprechen!

Es gibt kaum Worte für das, was wir erfahren durften. Die Menschen empfingen uns überschwänglich und luden uns zu sich nach Hause ein, wollten Fotos mit uns machen, umarmten uns und wir erkannten, dass es eine Sprache gibt, die wir alle sprechen: Die Sprache der Liebe. Der Liebe für das Leben und für unsere Mitmenschen. So steckt in einem kleinen, schüchternen Lächeln manchmal viel mehr als in einem gesprochenen Satz.

Voller Dankbarkeit saßen wir die darauffolgenden Nächte mit dem Laptop auf dem Schoß an dem kleinen See vor unserem Hotel und versuchten das Gesammelte zu schneiden, so zu verpacken, dass jeder, der diesen Film sieht, eine kleine Ahnung davon bekommt, was wir erlebt hatten.

 

Ja, diese Nacharbeit kostete uns ein paar Nerven und Tränen, vor allem weil wir kurz vor der Premiere alles verloren hatten und es nochmal machen mussten. Aber das war es definitiv wert. Denn nun halten wir diese Erinnerung in unseren Händen, oder vielmehr, in unseren Herzen. Unser Film wurde am letzten Tag beim Stadtfest vorgestellt und einige unserer Protagonisten kamen vorbei. Es waren so herzliche Wiedersehen, die sich so anfühlten, als wären wir alle alte Freunde.
Das Kulturzentrum der Stadt wollte unseren Film haben und auf seiner Internetseite vorstellen. Und auch wenn diese Anerkennung bei weitem nicht das Wesentliche, geschweige denn unser Ziel, dieses Projekts war, so war es doch sehr erfüllend zu sehen, dass wir die Menschen mit unserer Arbeit erreicht haben!

Und wer denkt, dass dies eine einmalige Erfahrung war, der liegt falsch, denn mit diesem Projekt, in dieser, vor Kreativität übersprudelnder Zeit, war eine neue Idee geboren.

Wir alle leben gemeinsam auf dieser Welt und auch wenn wir augenscheinlich so unterschiedlich sind, so teilen wir doch alle die selben Gefühle. Es gibt noch unzählige unbeantwortete Fragen, die gestellt werden wollen und Träume die gelebt werden möchten!

 

Von Louisa Schmid